Wir dokumentieren im Folgenden unsere Antwort auf die Einladung "zu einem öffentlichen und fairen Disput in Sachen ‚Revolutionäres
Subjekt', ‚Diktatur des Proletariats' und ‚Wissenschaftlicher Sozialismus' in einer gemeinsamen Veranstaltung", die der Betreiber der
Online-Zeitschrift Trend
, Karl Müller, im Oktober vergangenen Jahres im Editorial derselben an uns gerichtet hat. Anlass zu der Einladung gab
offenbar, dass wir Müller aufgrund seiner Besprechung von Kosmoprolet
1 im folgenden Heft als eine "im geistigen Morast der K-Gruppen stecken
gebliebene" Person vom intellektuellen Format Erich Honeckers beschrieben hatten, womit wir keineswegs beabsichtigten, in irgendeine Form der
Auseinandersetzung mit ihm zu treten.
Die Antwort wurde Trend
im Dezember 2009 elektronisch übermittelt, da Müller um eine solche gebeten und zudem den Leserinnen angekündigt
beziehungsweise angedroht hatte: "Im Hin[b]lick darauf werden wir demnächst berichten". Tatsächlich beschäftigte die Affäre Müller so sehr, dass er
bereits in der nächsten Nummer zu berichten wusste, er habe mittlerweile in Erfahrung bringen können, "dass es bei ihnen in Bezug auf meinen
Vorschlag zwei gegensätzliche Positionen gibt: Die eine Richtung kann sich einen öffentlichen Disput vorstellen, die andere lehnt ihn rundweg ab."
Auch in der Nummer darauf hielt er seine Leserschaft über die brennende Angelegenheit auf dem Laufenden: Bei uns ruhe "im Hinblick auf mein Angebot,
zu grundlegenden Fragen revolutionärer Theorie und Praxis einen öffen[t]lichen Disput zu führen, weiterhin still der See." Doch nachdem er so viel
Wind um seine Einladung gemacht hatte, wurde unsere Antwort in der Januar-Ausgabe vollständig unterschlagen, nämlich weder veröffentlicht noch auch
nur erwähnt; stattdessen wurde im Editorial noch mal daran erinnert: "Auch in jüngster Vergangenheit hielten wir [i. e. Karl Müller] es für geboten,
uns zum Beispiel von den ‚FreundInnen der klassenlosen Gesellschaft' abzugrenzen."
Wer hätte von einem MLer anderes erwartet als Zensur?
Hallo Karl Müller,
erneut hast Du auf Deiner Website um unsere Aufmerksamkeit gebettelt, aber es müsste Dir, und sei es nur durch unser beharrliches Schweigen zu dieser
Angelegenheit, schon lange klar sein: Deiner Einladung "zu einem öffentlichen und fairen Disput in Sachen ‚Revolutionäres Subjekt',
‚Diktatur des Proletariats' und ‚Wissenschaftlicher Sozialismus' in einer gemeinsamen Veranstaltung" werden wir nicht nachkommen. Wir sehen zurzeit
keine Grundlage für einen solchen Disput mit Dir.
Ein "fairer Disput" würde voraussetzen, dass man die Positionen des Kontrahenten zur Kenntnis nimmt, statt dass man allerlei hanebüchene Karikaturen
ins Kraut schießen lässt, die entweder auf einen gravierenden Mangel an Auffassungsgabe oder - und das scheint eher der Fall zu sein - auf eine
bewusste Verfälschung unserer Texte hinweisen. Wir finden nichts von dem, was Du über
Kosmoprolet zu Papier gebracht hast, nachvollziehbar,
geschweige denn diskutabel.
Wie kommst Du zu der Behauptung, wir seien politisch "bei Kautsky, der vom friedlichen Übergang mittels allgemeinem Wahlrecht träumte, bzw. seinen
heutigen Epigonen (Die Linke)", anzusiedeln (
Trend 3/2008)? Das scheint Dir so gut einzuleuchten, dass Du gleich noch mal wiederholst
(s.
Trend 10/2009), wir würden "politisch-praktisch am Konzept des so genannten friedlichen Übergangs andocken (s. dazu meine Anmerkungen in
Trend 3/2008)".
Du bringst es fertig, die von uns verfassten
28 Thesen zur Klassengesellschaft 
,
die darzulegen suchen, warum das Klassenverhältnis ungeachtet seines historischen Wandels für Kritik in revolutionärer Absicht von zentraler
Bedeutung bleibt, zu einem Abschied vom Proletariat zu erklären, der sich auf die bürgerliche Soziologie stütze, womit wir letztlich - siehe oben -
bei Kautsky endeten. Kritik an unseren Auffassungen ist uns immer willkommen, und gerne stellen wir ihr uns öffentlich. Es sollte aber schon Kritik
an
unseren Auffassungen sein.
Unsere Ablehnung der metaphysischen Hilfskonstruktion vom Proletariat als "revolutionärem Subjekt" kannst Du offenbar nur als Kappung jeglichen
Bezugs auf das Proletariat und unsere Ablehnung der Losung von der "Diktatur des Proletariats" nur als Absage an die kommunistische Revolution
verstehen, obwohl wir im einen wie im anderen Fall ausdrücklich das Gegenteil sagen.
Da wir auf das autoritäre Festklammern an zum Glaubensbekenntnis erstarrten Formeln verzichten, entdecken wir auch keinerlei argumentativen Gehalt in
Passagen wie dieser, die sich in Deiner Besprechung des ersten Heftes von
Kosmoprolet finden lassen:
Die "Erinnerung", mit der Du auftrumpfen möchtest, ist ganz überflüssig, weil wir die von Dir bemühte Schrift, die
Kritik des Gothaer Programms, ja selbst anführen - eben als eine Schrift, die uns in mancher Hinsicht veraltet erscheint. Im Übrigen legen wir
keinen Wert darauf, "Marxisten" zu sein, erst recht nicht gemäß irgendwelcher Definitionen Lenins oder seiner Adlati.
Außerdem widersprichst Du Dir dauernd selbst.: So gelangst Du in Deiner Abkanzelung von Kosmoprolet 1 im Eifer des Gefechts zu dem Urteil,
dass "die ‚FreundInnen' nur bornierte Kritik für die heutigen Bewegungslinken (Mayday & Co.) übrig haben" (Trend 3/2008), und es kümmert
Dich gar nicht, dass niemand anders als Du vor nicht allzu langer Zeit den Trend-Lesern als eine "polemisch zugespitzte, aber im Kern richtige
Kritik" (Trend 5/2006) an den "Bewegungslinken" - Deine Diktion, nicht unsere - nichts anderes empfahlst als eben unsere Kritik am Mayday.
Ebenso wenig fällt Dir auf, dass Du in ein- und derselben Ausgabe von Trend uns einerseits Revisionismus-Kautskyanismus vorwirfst,
andererseits ungebrochene linkskommunistische Orthodoxie, mal beklagst, ein Genosse von uns hätte vor zweiundzwanzig (!) Jahren unerhörterweise
anderes gesagt als wir es heute tun, dann wieder monierst, wir würden nur aufwärmen, was die Älteren von uns bereits zu Beginn der 1970er Jahre
gesagt hätten.
Resümierend lässt sich sagen, dass uns Deine Texte eher an Denunziationen erinnern als an eine "faire" Auseinandersetzung: Du wirfst uns allerhand
Dinge vor, die nicht zutreffen (Kautskyanismus, Abschied vom Proletariat, Nähe zur bürgerlichen Soziologie), und einige andere, die zwar zutreffen
(Ablehnung der Phrase vom Proletariat als "revolutionärem Subjekt" sowie der Losung "Diktatur des Proletariats"), die Du aber nicht zu entkräften
vermagst, weil Du Dir keine Mühe machst, ihren Gehalt zu sichten.
Solange sich daran nichts ändert, sehen wir keinen Sinn darin, in eine Debatte einzusteigen.
Und dann regst Du Dich auch noch über unsere angeblich "wüsten Angriffe" und die "primitive Polemik" gegen Deine Person auf. Um nicht auf der
gleichen Ebene zu landen wie Du, wollen wir diese Antwort mit einem heiteren Gedicht enden lassen: